Warten…
Ein Zustand, den wir alle kennen ist das Warten, denn es kann zeitraubend und manchmal extrem nervig sein, wenn wir auf eine Auskunft oder ein baldiges Ergebnis angewiesen sind. Warten fordert Geduld von uns ein, eine Eigenschaft, die ich bis zu meiner unvollendeten Altersreife nicht halb so gut erlernen konnte, wie Gelassenheit. Diese zumindest vorzutäuschen kann sehr hilfreich sein, wenn Todfreunde unsere Ungeduld als Schwäche auslegen, (was sie ja auch ist) und sich hämisch daran ergötzen. Daher kenne ich auch keine geduldigen Menschen, nur mehr oder weniger gute Darsteller.
Grundsätzlich fängt das Warten schon im Babyalter an. Das Kind schläft, wacht auf, hat Hunger und schreit, wenn nichts geschieht. Jene Babys aber, die rund um die Uhr betüdelt-, betatscht-, von Muttis und Tanten mit piepsiger Stimme besprochen- und keine Sekunde lang aus den Augen gelassen werden, fangen aus genau diesem Grund ebenfalls zu schreien an. Ich konnte das angeblich so laut, dass selbst entfernte Nachbarn dachten, mir sei was passiert.
In den Schulen warten viele Kinder heute wie früher auf bessere Noten, -das Ende der Rechenstunde, -mehr Taschengeld und auf die Ferien. Ich aber wartete monatelang darauf, dass der bildhübschen, hochnäsigen Vorzugschülerin, die neben mir am Tisch saß, riesige Pickel aus ihrem Gesicht schießen sollten. Leider fühlten sich diese in meinem Gesicht wohler.
Die erste Verliebtheit spielte sich anfangs nur in unserer Vorstellung ab, weil wir noch zu schüchtern für eine physische Annäherung waren. Bald darauf aber wurde es dramatisch und atemberaubend, weil wir sehnlichst darauf warteten, dass die von uns signalisierten Zeichen und Gefühle vom erträumten Schwarm endlich erwidert wurden. Das konnte dauern…und dauern…und endete oft mit – Nix.
Damals hatten wir noch kein Telefon im Haus, schon gar kein Internet, daher erwarten wir weder Anrufe, SMS noch Chats und waren trotzdem zufrieden. Wir schrieben noch händisch Briefe in gelernter Schönschrift, frankierten sie und brachten sie zum nächsten Briefkasten, von denen es heute kaum noch welche gibt, und wir konnten daher auch nicht unentwegt auf ein Handy schauen. Wir schauten aus dem Fenster oder warteten wegen finanzieller Engpässe stundenlang bei einer einzigen Limo in einem Kaffeehaus mit Musikbox, ob vielleicht doch rein zufällig der Traumprinz zur Tür hereinkam. Als ich endlich in Graz zu studieren begann, wuchsen – fernab der elterlichen Aufsicht - die Möglichkeiten.
Der Herrgott weiß, wie oft der Falsche kam und der Bessere sich vertschüsst hat.
„Derzeit sind alle Leitungen besetzt. Bitte legen sie nicht auf, wir sind gleich für sie da!“ Wie dehnbar der Begriff „gleich“ ist, haben wir schon alle erfahren. Dazu wird man meist von einer lausigen Hintergrundmusik gepeinigt. Wenn dann endlich jemand abhebt, bin ich so grantig, dass sich die Person am anderen Ende der Leitung vor mir fürchtet, statt mir zu helfen.
Später warteten wir auf ein Topangebot für unseren Traumberuf. Da ich immer schon eine berühmte Sängerin werden wollte und die Angebote überschaubar waren, nahm ich das Steuer selbst in die Hand und ging nach Deutschland, um in diversen Bands als Sängerin entdeckt zu werden. Ganze zehn Jahre lang musste ich auf meinen Entdecker warten, der Erfolg stellte sich Gottseidank bald ein. Der Rest ist Geschichte.
Das langen Warten lohnt sich nur, wenn man seine Erwartungen nicht zu hochschraubt, aber es kann sich durchaus auszahlen, zäh und beharrlich zu bleiben.
Heute bin ich alt und warte immer noch. Es sind andere-, viel größere Probleme als damals, die an meiner Seele nagen, und diese Sorgen teile ich mit vielen Menschen:
Es ist die immer bedrohlicher werdende Gewaltbereitschaft. Damit meine ich nicht nur die Machtansprüche brutaler Autokraten, Kriege, auf deren Ende wir sehnlichst warten, die gnadenlose Missachtung von Flora und Fauna und die gedankenlose Ausbeutung unserer Ressourcen.
Mir fällt auf, dass Menschen offenbar verlernt haben, miteinander zu reden, sondern ohne Skrupel zuschlagen oder gar morden, wenn wir auch an die unzähligen Femizide hierzulande denken. Es werden permanent Regeln und Gesetze missachtet und der faire Umgang mit Andersdenkenden.
Diese Verrohung der Menschheit macht mir Angst, genauso, wie der rasante Rechtsruck, der sich selbst in gebildeten Kreisen ausbreitet wie die Pest. Viele Menschen warten schon ewig auf eine Politik, die dieser Tatsache rigoros entgegenwirkt, stabile Brücken für ein gesundes Miteinander baut und dafür sorgt, dass auch Kleinverdiener weder hungern noch frieren müssen. Ich warte darauf, dass Politiker nicht nur auf ihr persönliches Wohlbefinden achten und auf ihren Sesseln kleben bleiben, sondern den dringlichen Auftrag ihrer Wähler endlich mit Mut und Weitsicht anpacken.
Dann müssten wir nicht mehr auf bessere Zeiten warten, könnten uns endlich wieder den schönen Dingen zuwenden und das Leben genießen.
Stefanie Werger