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| Persönliches

Die Jungen und die Alten

Es scheint mir, als wäre es erst gestern gewesen, als ich mit Highheels, hellblonder, schulterlanger Mähne und Minirock durch die Stadt stolziert bin, - die Lippen etwas zu rot, die Bluse etwas zu knapp, die Blicke zu frech. Wenn ich meiner Mutter als „arme Studentin“ ein hübsches Kleid abringen konnte, schnitt ich in der Nacht ein Drittel oberhalb des Saumes ab, sodass sie am nächsten Tag nicht wusste, wie sie diesen verstümmelten Fetzen stückeln soll, damit er wenigstens meinen Hintern bedeckte. 

Die Sechziger waren die Zeit des Aufbruchs, der freien Liebe, der Friedensbewegung und der Rebellion. Wir träumten nicht von Eigenheimen, Wertanlagen oder dicken Autos, sondern von durchtanzten Nächten, Woodstock und von einer Welt, die sich einig wird. Wir protestierten mit Leidenschaft, obwohl wir nicht immer genau wussten, wogegen. Wir verspotteten Wohlhabende und lachten über Spießer, die sich über die schwindende Moral der anscheinend verrückt gewordenen Jugend echauffierten, und wir schworen, niemals zu werden, wie sie.

Aber letztendlich ist unsere Philosophie nicht aufgegangen. Die Realität hat uns mit allen damit verbundenen Regeln und Pflichten eingefangen wie ungezogene Kinder, denen sie zuvor ein wenig Auslauf gegönnt hat. 

Die meisten von uns haben irgendwann die Ärmel aufgekrempelt, die allgemein gültige Gesellschaftsordnung weitgehend akzeptiert, eine Familie gegründet oder Karriere gemacht. Bald schon konnten wir Luxus und Statussymbole erstaunlich gut verkraften. 

Heute trauern wir fast mehr um die Zeit, die wir nicht für unsere Wünsche und Träume genutzt haben, als um Jimmy Hendrix, Janis Joplin oder John Lennon. Und die Welt ist sich bis heute noch nicht einig. Die Rebellen von einst entwickelten eine angepasste Artigkeit, und ehe sie sich versahen, waren sie geworden, wie sie früher nie sein wollten.

Auch an mir selbst habe ich diesen Wandel bemerkt. Ist es spießig, sich darüber zu wundern, dass sich junge Menschen ganze Bildgalerien in die Haut stechen lassen oder ihren Körper zum Schraubenlager degradieren? Soll ich endlich dem Zeitgeist folgen und mich darauf einstellen, dass es vielleicht irgendwann „cool“ sein könnte, sich einen Finger amputieren zu lassen?

Die Kluft zwischen jung und alt war seit jeher problematisch. Für eine gesunde Entwicklung der Menschheit aber brauchen wir nicht nur die besonnenen Alten, sondern auch die jungen Rebellen

Als besorgniserregend empfinde ich lediglich die unendliche Grauzone der Gedankenlosen, Idioten und Gewaltbereiten, die es leider in allen Generationen gibt. Das mag mit Bildungsdefiziten zu tun haben, am ehesten aber mit fehlender Herzensbildung.

Stefanie Werger

| Persönliches

Vorzeitiger Ruhestand

Gefühlt mitten im Leben (72) zog ich die Reißleine und ging in den vorzeitigen Ruhestand. Unwiderruflich! Und das nach einer beachtlichen Karriere und fulminanten Abschiedstournee. Und jetzt gehen sie mir ab: die Bühne, die Musiker, das Publikum und der Applaus. Vor allem das Gefühl nach dem Konzert, alle glücklich gemacht zu haben, einschließlich mich selbst natürlich.

Die Orthopäden erklärten mir die Ursache meiner quälenden Rückenschmerzen nach erfolgter OP und REHA schlicht und sachlich:
„Ihr Rücken sieht von oben bis unten aus wie eine Ruine!“ Das klang endgültig und war nach Prüfung aller weiteren Möglichkeiten nicht mehr verhandelbar.

Da geht sich keine weitere Tournee mehr aus! Schluss – Ende!

In den letzten Interviews gab ich mich optimistisch: „Ich werde weiterhin Bücher schreiben, Lieder für andere Interpreten oder gar für mich selbst, singen kann ich ja noch…“

Jetzt schreiben wir 2024. Ein ganzes, langes Jahr ist vergangen und ich habe nichts davon gemacht, NICHTS! Meine Muse, die Kanaille hat sich selbst geküsst und schlafen gelegt, als wäre ich nicht mehr vorhanden.

Geblieben sind die Rückenschmerzen, und auch daran bin ich nicht ganz unschuldig. Ich hätte Übungen machen sollen, mehr gehen, abnehmen, Treppen steigen und meine Muskeln stärken. 

2024 soll und muss wieder mein Jahr werden! Ich werde alles tun, damit ich wieder „Stoak wie a Felsen“ werde, dann wird wohl meine Muse auch wieder befruchtend über mich herfallen. Es wäre doch ewig schad´ um mich, oder?

Eure Steffi Werger